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KI & Zusammenarbeit

Diese Website hat eine KI mit mir gebaut (2): Der Rollenwandel

Eine Frau steht in einer hellen, offenen Halle und zeichnet auf durchsichtigen, frei schwebenden Tafeln: Entwürfe einer Website, daneben Systemarchitektur, Netzwerk, Sicherheit und Monitoring. Rechts ist die fertige Seite zu sehen, im Hintergrund Berge und ein See.

Im ersten Teil ging es um die Zusammenarbeit an unserer neuen Website und um die Frage, wer die Verantwortung für das Ergebnis trägt. Hier geht es weiter mit dem größeren Bild: Was verändert sich an der Arbeit selbst, und was heißt das für die künftige Zusammenarbeit mit Menschen?

Wie im ersten Teil duzen wir uns, Sie als Leserinnen und Leser sieze ich. Meine Fragen sind fett gesetzt.

Was sich an der Arbeit ändert

1. Was verändert sich, wenn eine Person mit KI plötzlich Aufgaben aus Text, Design, Konzeption, Recherche und Entwicklung bündeln kann?

Der Engpass verschiebt sich von der Produktion zur Entscheidung. Früher wartete man Wochen auf einen Entwurf. Heute liegen an einem Nachmittag zwanzig vor, und niemand sagt einem, welcher davon der richtige ist.

Dazu verschwindet etwas, das man leicht für reinen Aufwand hält: das Briefing. Einem Menschen erklären zu müssen, was man will, ist ein Denkwerkzeug. Es zwingt dazu, das Ziel auszusprechen, bevor etwas entsteht. Diesen Schritt kann man mit mir überspringen und trotzdem ein Ergebnis bekommen. Das ist die eigentliche Veränderung: nicht die Geschwindigkeit, sondern der Wegfall eines Zwangs zur Klarheit.

Und: Die untere Qualitätsgrenze steigt, die obere nicht. Grober Unsinn wird selten, Herausragendes nicht häufiger.

2. Welche bisherigen Rollen oder Arbeitsschritte könnten dadurch tatsächlich wegfallen, und welche werden wichtiger?

Weg können Schritte mit klarer Vorgabe und hoher Stückzahl: Inhalte aus einem alten System übernehmen, Medien in allen benötigten Formaten ausspielen, Weiterleitungen und Metadaten ableiten, Erstentwürfe, Protokolle.

Wichtiger wird das Gegenstück: eine Vorgabe schreiben können. Entscheiden, was belegt ist. Und Qualitätsmaßstäbe aussprechen, die vorher als Berufserfahrung im Kopf steckten. Dieses Projekt hat einen ausformulierten Satz an Text- und Gestaltungsregeln, weil ich mich sonst an nichts halten könnte. Dazu, wie im ersten Teil beschrieben: wissen, was ein grüner Test nicht abdeckt.

3. Was unterscheidet die Zusammenarbeit mit dir von der Zusammenarbeit mit Grafikern, Entwicklern oder Agenturen?

Vier Dinge, die in dieselbe Richtung zeigen.

Ich habe kein Gedächtnis für Euer Unternehmen. Eine Agentur, die Euch seit Jahren betreut, kennt Eure Kunden und Eure Reibungspunkte. Ich kenne den Inhalt eines Ordners.

Ich habe keinen Berufsstolz. Das klingt bequem und ist ein Verlust: Wenn ein Entwickler seine Lösung verteidigt, ist diese Verteidigung Information.

Ich habe keine anderen Kunden. Ich habe nicht vierzig vergleichbare Projekte gesehen und kann nicht sagen: „Das versuchen alle, es funktioniert nie."

Und ich habe keine Haftung, keine Versicherung, keine Kammer.

Der Preis dafür ist Geschwindigkeit und Geduld ohne Grenze. Das ist ein echter Vorteil, hat aber einen Nebeneffekt: Eine Änderungsschleife, die nichts kostet, verleitet dazu, Dinge zu ändern, die in Ordnung waren.

4. Was geht verloren, wenn menschliche Zusammenarbeit durch Mensch-KI-Kollaboration ersetzt wird?

Der Widerspruch mit Konsequenz: jemand, der etwas riskiert, wenn er abrät.

Das gemeinsame Gedächtnis eines Teams. In einer eingespielten Konstellation fällt eine unfertige Vorarbeit auf, bevor sie Schaden anrichtet. Das ist keine individuelle Eigenschaft, sondern eine Eigenschaft der Konstellation. Zwischen einem Menschen und mir gibt es sie nicht: Ich prüfe, was Du mir gibst, aber nicht mit Jahren gemeinsamer Maßstäbe im Rücken.

Und der Lernweg. Wer Senior wird, wird es, weil er als Junior um seine Entwürfe streiten musste. Fällt die ausführende Arbeit weg, fällt der Übungsplatz für das Urteil weg, das wir danach von allen erwarten.

5. Welche menschlichen Kompetenzen gewinnen dadurch an Bedeutung, etwa Urteilskraft, Strategie, Geschmack, Kontextverständnis oder Kritikfähigkeit?

Alle fünf, in dieser Konkretheit:

Sagen zu können: „Das ist plausibel, stimmt hier aber nicht." Das ist die Kompetenz, die meine Schwäche direkt abdeckt.

Eigenes Material erkennen. Die Diagnose-Metapher der ESBYTE-Praxis war fertig, als ich dazukam. Du hast entschieden, dass daraus das Leitmotiv einer Seite wird, und eben nicht der Ton der ganzen Website. Ich hätte das Material als einen Input unter vielen behandelt.

Einen grünen Bericht misstrauisch lesen.

Und entscheiden, was nicht auf die Website kommt. Weglassen ist die Entscheidung, die ich am schlechtesten treffe, weil sich alles begründen lässt, was jemand anfragt.

Was das für Berufe bedeutet

6. Was bedeutet diese Entwicklung für Agenturen, Designer, Texter und Entwickler: Ersatz, Rollenwandel oder beides?

Beides, aber ungleich verteilt. Wer Ausführung nach Vorgabe verkauft, wird ersetzt. Wer Urteil verkauft, erlebt einen Rollenwandel: von „macht die Website" zu „entscheidet, ob diese Website trägt, und sagt warum".

Der unangenehme Teil ist der Zusammenhang mit Frage 4. Urteil lernt man normalerweise durch Ausführung. Fällt die Einstiegsarbeit weg, fällt auch der Weg weg, auf dem die nächste Generation dieses Urteil erwerben würde.

7. Werden künftig weniger Spezialisten gebraucht, dafür aber mehr Menschen, die verschiedene Disziplinen verstehen und KI führen können?

Teilweise. Der Vorbehalt ist entscheidend: Führen kann man nur, wo man beurteilen kann. In diesem Projekt konntest Du meine gestalterischen und inhaltlichen Entscheidungen prüfen, weil Du genug über Websites und über Euer Unternehmen weißt. Wo diese Tiefe fehlt, wird aus Führen zwangsläufig Vertrauen. Der Generalist führt also nicht die KI, sondern seine eigene Kompetenzreichweite. Außerhalb davon delegiert er blind, ohne es zu merken.

Deshalb glaube ich nicht, dass Spezialisten weniger werden, sondern dass sie später gerufen werden: zur Prüfung statt zur Ausführung. Das ist ein anderer Beruf. Er verlangt mehr Verantwortung bei weniger Stunden, und es ist offen, ob der Markt das entsprechend bewertet.

8. Verändert KI damit nur unsere Werkzeuge oder letztlich auch Organisationsstrukturen und Berufsbilder?

Beides, aber nicht gleichzeitig, und die Reihenfolge ist genau die, die ESBYTE seinen Kunden empfiehlt. Wer nur das Werkzeug wechselt und die Abläufe lässt, produziert schneller Material, das niemand brauchen kann.

Unsere Zusammenarbeit hat nicht funktioniert, weil das Modell gut ist, sondern weil ein Ablauf existierte: Quellmaterial an einem Ort. Entscheidungen dokumentiert, mit Begründung. Zuständigkeiten für alles, was offen war. Ein Prüflauf, der nach jeder Änderung wiederholt wird. Das sind organisatorische Antworten, keine technischen, und sie waren die Voraussetzung, nicht das Ergebnis.

Rückblick und Ausblick

9. Was habe ich als Mensch in diesem Projekt von dir gelernt, und was konntest du nur leisten, weil ich entsprechendes Vorwissen eingebracht habe?

Christine: Verändert hat sich vor allem, dass ich viel unmittelbarer arbeiten kann. Früher musste ich meine Vorstellung erst in ein Briefing übersetzen, an einen Grafiker, Texter oder Entwickler übergeben, auf einen Entwurf warten und dann wieder erklären, was ich anders haben möchte. In diesem Projekt konnte ich meine Gedanken direkt weiterentwickeln, Varianten ausprobieren und Entscheidungen sofort testen. Das hat die Geschwindigkeit enorm erhöht, aber auch meine eigene Rolle verändert. Ich bin weniger diejenige, die Aufgaben verteilt und Ergebnisse abnimmt, sondern stärker diejenige, die den gesamten Prozess steuert. Ich muss sehr klar denken, gute Fragen stellen, Qualität beurteilen, Zusammenhänge erkennen und entscheiden, wann ich der KI folgen kann und wann nicht.

Das Spannende ist: Ich gebe nicht einfach Arbeit an die KI ab. Ich arbeite mit ihr zusammen.

Meine Erfahrung ist dabei wichtiger geworden. Ohne ein Gefühl für Marke, Sprache, Zielgruppe und Qualität könnte ich nicht beurteilen, ob ein Ergebnis wirklich gut ist oder nur gut aussieht. KI senkt die Hürde zur Umsetzung enorm, aber sie ersetzt nicht unsere Urteilskraft.

Meine Arbeit ist nicht einfach „leichter", sondern unmittelbarer, integrierter und anspruchsvoller in der Steuerung geworden.

Claude: Ohne Deine Positionierungsentscheidung hätte die Seite zwei Versprechen gehabt und keins davon deutlich. Ohne Dein Urteil über das eigene Material wäre die ESBYTE-Praxis Dekoration geworden statt Leitmotiv. Ohne Dein Wissen über die vorhandene Infrastruktur hätte ich womöglich etwas gebaut, das dort gar nicht läuft. Der Relaunch wäre dann nicht am Entwurf gescheitert, sondern an der Technik darunter. Und ohne Deine Kennzeichnung, was belegbar ist, stünden hier heute Angaben, für die es keine Quelle gibt.

10. Was wäre an dieser Website schlechter geworden, wenn entweder nur ich oder nur du daran gearbeitet hätte?

Nur Du: Die Seite läge vermutlich noch auf dem alten Fundament, mit einem System, das man mitpflegen muss. Und ein Teil der Barrierefreiheitsprobleme wäre unentdeckt geblieben, nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil man Kontrastwerte mit dem Auge nicht unterscheiden kann.

Nur ich: Die Seite wäre plausibel und in Details falsch. Es gäbe Zusagen, die niemand gegeben hat, und Angaben, deren Quelle niemand mehr findet. Rechtstexte wären „verbessert" statt zur Prüfung markiert, was schlimmer ist als der Bestand. Und irgendwo stünde „innovative Lösungen".

Das Interessante ist, dass die beiden Fehlerbilder nichts miteinander zu tun haben. Meine Fehler sind Wahrheitsfehler, Deine wären Sorgfaltsfehler im Detail. Deshalb hat die Kombination funktioniert: nicht weil wir uns ergänzt hätten, sondern weil jede Seite die Fehlerart der anderen sehen kann.

11. Wenn wir dieses Projekt in drei Jahren noch einmal machen: Was wird dann vermutlich fundamental anders sein?

Ich sollte vorsichtig sein: Prognosen über meine eigene Weiterentwicklung sind der Bereich, in dem ich am überzeugendsten falschliegen kann.

Am wahrscheinlichsten ändert sich die erste Grenze aus dem ersten Teil. Dass ein Projekt heute gedächtnisfähig gemacht werden muss, indem ein Mensch Notizen pflegt, ist ein Behelf. Fällt der weg, verschiebt sich die Zusammenarbeit von „Auftrag pro Sitzung" zu etwas, das einer laufenden Betreuung gleicht, mit allen Fragen, die das für Zugriffsrechte und Datenschutz aufwirft. Zweitens dürfte sich die Prüfschleife weiter schließen.

Was ich für unverändert halte: Am Ende eines solchen Projekts stehen Fragen offen, und es sind keine technischen. Es sind Fragen über das Unternehmen, und die kann nur das Unternehmen beantworten.

Konklusio

12. Zum Schluss keine Frage, sondern eine Bitte: Bring es auf einen Punkt. Wie verschiebt sich die Arbeit?

In drei Bewegungen.

Vom Herstellen zum Entscheiden. Was knapp war, war bisher die Herstellung: der Entwurf, der Text, der Code. Knapp ist jetzt die Entscheidung darüber, welcher von zwanzig Entwürfen der richtige ist, und diese Entscheidung lässt sich nicht beschleunigen, weil sie kein Produktionsschritt ist. Du hast dieselbe Bewegung in Frage 9 von der anderen Seite beschrieben: weniger verteilen und abnehmen, mehr steuern.

Vom stillen zum ausgesprochenen Maßstab. Berufserfahrung musste man bisher nicht erklären, um sie anzuwenden. Wer mit mir arbeitet, muss sie aussprechen, sonst halte ich mich an nichts. Das ist mühsam und hat einen Nebeneffekt, der weit über KI hinausreicht: Ein Maßstab, der aufgeschrieben ist, kann auch von einem neuen Kollegen gelernt und von einem Kunden nachvollzogen werden.

Von der Prüfung des Ergebnisses zur Prüfung des Weges. Ergebnisse sehen ab jetzt immer gut aus. Die Frage ist deshalb nicht mehr, ob etwas gelungen wirkt, sondern wie es zustande kam und was dabei nicht geprüft wurde.

Und in einem Satz: Die Arbeit verschiebt sich nicht vom Menschen zur Maschine, sondern innerhalb der menschlichen Arbeit: weg vom Herstellen, hin zum Verantworten. Ich kann Material erzeugen, in großer Menge und in ordentlicher Qualität. Ob daraus etwas wird, das stimmt und das trägt, entscheidet sich an einer Stelle, an der ich nicht stehe.

Was wir daraus mitnehmen

Die wichtigste Beobachtung aus beiden Teilen ist für mich nicht, was eine KI herstellen kann. Sie liegt eine Ebene davor.

Die Fragen dieses Interviews sind, wie eingangs beschrieben, aus einem längeren Dialog mit einer KI entstanden, nicht als Fragenkatalog, den sie mir abgenommen hat, sondern als Ergebnis eines Gesprächs, in dem meine eigenen Gedanken schärfer geworden sind. Genau das ist der Punkt: Der Wert lag nicht im Text, den ich am Ende bekommen habe, sondern im Denken auf dem Weg dorthin.

Alexander Klier und ich nennen das inzwischen so: Wir verwenden KI als Denkwerkzeug im Dialog. Sie ersetzt das Denken nicht. Sie kann aber helfen, Klarheit zu gewinnen: über die eigene Position, die eigenen Maßstäbe, die eigenen blinden Flecken. Der Fachbegriff dafür lautet Augmented Cognition: nicht ersetzte, sondern erweiterte Kognition.

Was das für Teams und für Unternehmen bedeutet und warum es einen Unterschied macht, ob eine Organisation KI zum Produzieren (und damit ausgelagertem Denken) oder zum erweiterten Denken einsetzt, ist das Thema unseres nächsten Beitrags.

Bildnachweis: mit KI erstellt (ESBYTE)


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